GUSTAV MAHLER

Am 7. Juli 1860 in böhmischen Kalischt geboren, am 18. Mai 1911 in Wien gestorben, ist Gustav Mahler einer der wichtigsten Komponisten aus der Zeit des Wandels von der Spätromantik zur Moderne. Daneben war er zu seiner Zeit als Dirigent und als Erneuerer des Musiktheaters berühmt.

Als prägend für das Leben und die Arbeit Gustav Mahlers gilt ein Kindheitstrauma: Er musste miterleben, wie der Vater die Mutter fast totschlug. Erst eine Therapie bei Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, hat den Künstler dieses Trauma als 50-jährigen überwinden lassen. Seine musikalische Ausbildung begann er bereits mit vier Jahren. Schon als Sechsjähriger soll er selbst Klavierstunden gegeben haben. Sämtliche bereits in diesem Alter entstandenen Kompositionen sind verschollen. Volks-, Militär- und jüdische Musik beeinflussten ihn besonders. Musiktheoretiker finden immer wieder Verweise darauf in seinem erhaltenen Werk.

Mit dem Beginn seiner Ausbildung am Wiener Konservatorium begann Mahlers kometenhafter Aufstieg im Alter von 15 Jahren. Als 20-jähriger wurde er Kapellmeister des Sommertheaters in Bad Hall und konnte seitdem Dank weiterer Stellen von seiner Kunst leben. Ab 1891, als er die Stelle des ersten Kapellmeisters am Stadt-Theater in Hamburg antrat, galt er als einer der weithin anerkannten Dirigenten Europas. Mit ersten Liedern und Sinfonien wurde er in dieser Zeit auch als Komponist bekannt. In Wien wurde er 1897 erster Kapellmeister und Hofoperndirektor. Dort blieb er bis 1907. Damit war er zu einem der Top-Stars der internationalen Musikszene avanciert.

Weltoffen und weltgewandt bereiste Mahler, der aus Angst vor Repressalien vom Judentum zum Katholizismus übergetreten war, die damaligen Metropolen der Musik, wie Sankt Petersburg, Venedig, Amsterdam und Paris. Dabei gründete und pflegte er Freundschaften mit vielen Künstlern und Intellektuellen. 1908 trat er in den Dienst der Metropolitan Opera in New York. Dort blieb er bis zu seinem Tod. Ab 1909 leitete er dazu die Konzerte der New Yorker Philharmoniker. Sein Ruf als Dirigent und Regisseur war beim Publikum der beste, bei den unter ihm Arbeitenden nicht. Mahler, den es stets zur Perfektion trieb, galt als unbarmherziger Leuteschinder.

Beruflich überaus erfolgreich, blieb Gustav Mahler als Privatmann das große Glück versagt. Zahllose Geschichten über nicht erwiderte Leidenschaften Mahlers sind in Umlauf. Auch über die 1902 geschlossene Ehe mit Alma Schindler gibt es sehr viele Anekdoten.

Alma, selbst Komponistin, unterwarf sich zwar seinem Diktat, nur für ihn als Frau und Mutter da zu sein, soll dem 19 Jahre älteren Gatten aber nicht wirklich eine Partnerin und, ebenso wie Mahler selbst, auch nicht immer treu gewesen sein. Kenner seines Lebens verweisen seit Jahrzehnten darauf, dass, neben Mahlers psychischen Problemen, seinen Lebens- und Ehekrisen, auch viele körperliche Schwächen und Krankheiten wesentlich zum frühen Herztod 1911 beitrugen.

Das Wissen um all dies kann entscheidend zum Verständnis von Mahlers Musik beitragen. Die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, mit seinem Dasein und seiner Seele, führte ihn immer wieder zu den Themenkreisen Abschied vom Leben, Sinn des Lebens, Tod, Erlösung, Leben nach dem Tod und Liebe. Insbesondere seine neun fertig gestellten Sinfonien und die unvollendete zehnte spiegeln das meisterlich. Dies wird bereits in seiner "Sinfonie Nr. 1" deutlich, in der er effektsicher und gefühlsreich den Kosmos der Klänge durchschreitet, dabei auch vor Populärem, Feuerwehrkapellenschmiss und Klezmer, nicht zurückschreckt. Das fand nicht nur begeisterte Anhänger. Erst in den 1960er Jahren, wesentlich durch Star-Dirigenten wie Leonard Bernstein und Rafael Kubelik befördert, wurde Gustav Mahler endgültig als Komponist anerkannt.

Gustav Mahlers "Sinfonie Nr. 1", entstanden in den Jahren 1884 bis 1888, wurde im November 1889 unter seiner Leitung in Budapest uraufgeführt. Mahler selbst war zunächst offensichtlich unschlüssig, ob er das Werk eine "Sinfonische Dichtung" oder eine "Sinfonie" nennen sollte. Zeitweise versah er es mit dem Beinamen "Titan". Erst mit der Drucklegung im Jahr 1899, ohne einen Beinamen, entschied sich Mahler endgültig für die Bezeichnung "Sinfonie Nr. 1". Entscheidende Elemente von Mahlers Musiksprache sind in dieser Sinfonie zu finden: die Annäherung von Symphonie und Lied, die Verarbeitung von Motiven aus der Volksmusik, die Anlehnung an Eindrücke aus der Natur, der gelegentliche Einsatz von Ironie, die Verbindung von musikalischen Motiven in Collagen, und der Mut, auch einmal schroff anmutende Momente zuzulassen. Das zeitgenössische Publikum reagierte kontrovers. Vor allem der dritte Satz, in dem Gustav Mahler den wegen seiner Schlichtheit seinerzeit überaus populären Kanon "Bruder Jakob" verarbeitet hatte, irritierte heftig. Heutzutage schwelgt das Publikum geradezu in dieser Musik. Der oft als "schmerzliche Schönheit" bezeichnete Grundton begeistert.

Die Berliner Philharmoniker und ihr Dirigent Sir Simon Rattle entfalten den Reichtum der Musik mit Eleganz, Stil und einer Transparenz im Klang, die nahezu gläsern anmutet. Der Gefühlsreichtum der Musik kann sich dadurch völlig frei entfalten – und ebenso die Phantasie der Zuhörer.

SERGEI WASSILJEWITSCH RACHMANINOV

Geboren am 1. April 1873 auf dem Gut Semjonowo, gestorben am 28. März 1943 in Beverly Hills, gehört der russische Pianist, Komponist und Dirigent Sergei Rachmaninov zu den prägenden künstlerischen Persönlichkeiten der Moderne in der westlichen Welt.

Aus einer verarmten Landfamilie stammend, wuchs Rachmaninov in Sankt Petersburg auf. Mit vier Jahren erhielt er seinen ersten Klavierunterricht. Auf dem Konservatorium von Sankt Petersburg nahm er in den folgenden Jahren außerdem Unterricht in Musiktheorie. In Folge der Trennung der Eltern und anderer unglücklicher Umstände musste Rachmaninov das Konservatorium jedoch ohne Abschluss verlassen. Seine verzweifelte Mutter wandte sich um Rat an einen Verwandten. Der erkannte die Begabung des Jungen als Pianist und sorgte dafür, dass er ab 1885 in Moskau weiter im Klavierspiel ausgebildet wurde. 1891 errang er mit Bravour den Abschluss am Moskauer Konservatorium, als Klavierspieler und als Komponist. Bereits zu dieser Zeit entstand seine erste Sinfonie. Folgte er hier noch sehr stark seinem Vorbild Pjotr Tschaikowski, emanzipierte er sich in den Folgejahren mehr und mehr und schuf ein einmaliges und originelles Werk.

Rachmaninov wird eine eher schwermütige, zum Grübeln neigende Natur nachgesagt. Zeitweise führte das zu schwerwiegenden psychischen Problemen, die er jedoch mit Hilfe eines damals in Russland bekannten Psychiaters, Dr. Nikolai Dahl, überwinden konnte. 1902 heiratete er seine Cousine Natalja Alexandrowna Satina und fand in der Ehe, in der zwei Töchter geboren wurden, so etwas wie einen schützenden Hafen. Ab 1904 hatte er großen Erfolg als Dirigent am Moskauer Bolschoi-Theater, dem er mit Strenge und Könnerschaft zu neuen musikalischen Höhen verhalf. Ab 1906 lebte er mit seiner Familie für lange Zeit in Dresden, wo er auch ein großes Haus erwarb. Hier entstanden zahlreiche bedeutende Kompositionen. 1909 folgte er, inzwischen weithin anerkannt, dem Ruf ins Amt des Vizepräsidenten und Dirigenten der Russischen Musikgesellschaft in seine Heimat. Zu dieser Zeit war bereits sein Ruf als "letzter großer Romantiker" unumstößlich gefestigt.

Den trug er 1909 mit einer Tournee durch die USA in die Welt hinaus. Als um 1910 in Russland jüngere Komponisten neue Wege beschritten, konnte und wollte sich Rachmaninov ihnen nicht anschließen. Das brachte ihm ungerechterweise zahlreiche Schmähungen als Vertreter eines gewöhnlichen, spießigen Stils ein.

Durch den Ersten Weltkrieg von der restlichen Welt abgeschnitten und von den Wirren der Oktoberrevolution verängstigt, kam ihm 1918 eine Einladung zu einem Konzertauftritt in Schweden sehr entgegen. Er verließ seine Heimat zusammen mit seiner Familie. In den folgenden Jahren tourte er als einer der höchstbezahlten Pianisten durch die Welt. Ab 1930 lag der Hauptwohnsitz der Rachmaninovs in der Schweiz. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges veranlasste Rachmaninov und die Seinen zur Übersiedlung in die USA, wo der zeitlebens starke Raucher im Jahr seines 70. Geburtstags an Lungenkrebs starb.

Sein reichhaltiges musikalisches Erbe hat seine Wurzeln in einer jahrhundertealten Tradition: Große Komponisten waren zugleich immer auch große Virtuosen. Von seinem Können als Pianist zeugen zahlreiche erhaltene Aufnahmen auf Musikrollen und Schallplatten. Die digitalen neuen Techniken ermöglichen es inzwischen, seine Virtuosität in nahezu perfekt-reiner Pracht zu genießen.

Die "Sinfonischen Tänze" sind die letzte Komposition, die Rachmaninov geschaffen hat. Sie entstanden 1940 in den USA. Das Werk, das ein großes Orchester verlangt, gilt bei Experten als äußerst schwierig zu spielen. Von ihm selbst ursprünglich als "Fanatische Tänze" bezeichnet, spiegelt Sergei Rachmaninov in den drei Sätzen eigenes Leben und Erleben, von Momenten der Krise in der Jugend über den Schrecken der Oktoberrevolution bis zum Halleluja der orthodoxen Liturgie, das die Auferstehung reflektiert. Rachmaninov selbst bezeichnete die "Sinfonischen Tänze" als sein bestes Werk.

Dessen Gedankenreichtum wird durch die Berliner Philharmoniker und ihren Dirigenten Sir Simon Rattle nicht allein technisch brillant herausgearbeitet, sondern durch die Schlankheit der Interpretation, mit der die oft geradezu wild wuchernde Klangfülle gebändigt wird, zu einem geradezu spektakulären Hörgenuss.